Bereits am 3. Juli 2009 wurde mein kleines Gedankenspiel auf Mobile Zeitgeist veröffentlicht und ich finde, dass es von Tag zu Tag und mit den neuesten Ankündigungen der Telcos (Skype auf mobilen Endgeräten, Abstandnahme vom 2-Jahres-Modell, Pushen von Datendiensten, Verkauf des iPhone durch andere Anbieter als T-Mobile, Verkaufsstart des iPhone Killers Palm Pre) immer wichtiger wird, dass sich die Telekommunikationsanbieter Gedanken über ihre Einnahmequellen und Position in der Wertschöpfungskette der mobilen Telekommunikation machen.
Hier also noch einmal meine Prognose:
Das Internet steht kurz vor einem evolutionären Schritt – es lernt laufen. Zwar ist das mobile Web noch kein Massenphänomen, aber es befindet sich laut Aussage vieler Experten auf dem besten Weg dort hin.
Aktuell laufen die Vorbereitungen bei den Telekommunikationsanbietern, im Folgenden „Telcos“ genannt, auf Hochtouren. Sie bauen ihre Netze aus und führen nutzungsorientierte Tarife ein. Weiterhin bieten sie attraktive Dienste, wie z. B. Mobile E-Mail oder Mobile Instant Messaging, an. Zudem rühren sie ordentlich an ihren Marketing-Trommeln um „das Internet zum Mitnehmen“ anzupreisen und unters Volk zu bringen. Die Endgerätehersteller leisten ihren Teil und produzieren Smartphones mit Touchscreen-Oberfläche und allen Features, die man braucht, um unterwegs bequem auf das Internet zugreifen zu können.
Diese Entwicklung verursacht eine Gewohnheitsänderung der Nutzer. Sie freuen sich über die Vorteile des mobilen Webs in Form von Location Based Services und den ortsunabhängigen Zugriff auf ihre bevorzugten Social Media-Angebote. Damit geht ebenfalls die ständige Erreichbarkeit und Interaktion mit der Peer-Group einher, ohne ein Telefonat führen zu müssen. Schnell hat man sich an diesen neuen Komfort gewöhnt.
Im Folgenden möchte ich die angedeutete Problematik aus der Headline aufgreifen und näher auf das Angebot von Daten-Flatrates seitens der Telcos eingehen. Meiner Meinung nach beeinflusst das Angebot einer Daten-Flatrate und die daraus resultierende Nutzungsmöglichkeit von Datendiensten wie Mobile Instant Messaging (MIM) und VoIPover3G (Internettelefonie über das 3G-Netz) das grundlegende Geschäftsmodell der Telcos negativ. Einnahmen durch die minutengenaue Abrechnung von Gesprächen und dem Transport von SMS könnten künftig hinfällig werden.
Warum? Schauen wir uns folgende gängige Kombination an und analysieren, mit welchen Komponenten die Telcos Geld verdienen und was sich daran in Zukunft ändern könnte:
- Smartphone
- dazu gebuchter Tarif: Datenflatrate (10GB/Monat)
- Applikation auf dem Endgerät, dass Mobile Instant Messaging (MIM) und Internettelefonie über das 3G-Netz (VoIPover3G) unterstützt, z.B. Fring
Die höchsten Kosten entstehen bei dieser Kombination durch:
das Abbezahlen des subventionierten Endgerätes und die monatlichen Kosten des gebuchten Tarifs: kostenpflichtig vertelefonierte Minuten und versendete SMS (abzüglich der gängigen Frei-Minuten und Frei-SMS)Anmerkung: Die laufenden Kosten könnte man verringern, indem man nur den Tarif bucht. Dies setzt allerdings voraus, dass ein einmalig hoher finanzieller Aufwand bei der Anschaffung des Endgerätes entsteht.
Einen wesentlich kleineren Anteil – und um den dreht es sich bei dieser Argumentation – nimmt die Buchung einer Daten-Flatrate ein. Diese ist im Vergleich zu den laufenden Kosten für Telefonie und SMS-Versand wesentlich geringer, denn eine Daten-Flatrate mit 10GB Volumen ist bereits für 10€ im Monat erhältlich, z. B. bei simyo. Das genannte Messaging- bzw. Telefonier-Tool “Fring” ist darüber hinaus für mehrere Endgeräte-Plattformen kostenlos erhältlich.
Da “Fring” die Instant Messaging- und Internettelefonie-Funktionalität in sich vereint, wäre sie eine bevorzugte Anwendung, um damit Mobile Instant Messaging sowie Internettelefonie zu betreiben. Hätten die persönlichen Kontakte ebenfalls dieses Tool, würde das kostenpflichtige Anrufen bzw. SMS-Verschicken an diese Personen wegfallen, da man dafür die Daten-Flatrate nutzen könnte. Somit würden sich Flatrate-gestützt folgende Entwicklungen ergeben:
- „kostenloses“ Mobile Instant Messaging ersetzt die klassische SMS und
- „kostenloses“ VoIPover3G ersetzt die Pay-per-Minute-basierten Abrechnungsmodelle der Telcos.
Begünstigt wird diese Überlegung von der aktuellen Einführung der Push-Technologie, die es hinsichtlich MIM erlaubt, in Echtzeit neue Mitteilungen empfangen zu können, ohne die notwendige Anwendung auf Kosten der Batterie ständig geöffnet zu haben. Zudem ist es auf aktuellen Smartphones (z. B. Palm Pre) bereits möglich, ausgewählte Anwendungen als Hintergrundprozess betreiben zu können, um somit mit seinem “Fring”-Account ständig online und somit sichtbar/erreichbar zu sein.
Was ich also vermute, ist, dass es eine ähnliche Entwicklung geben könnte, vergleichbar mit dem Übergang vom 56k-Internet mit minutengenauer Abrechnung zu Breitband-Internet mit Flatrate-Tarif. Flatrates ersetzen die minutengenauen Abrechnungsmodelle und -dienste zum Nachteil der Telcos. Bisher wehren sich diese noch mit Regulierung und Verbot von Diensten, die auf dieser Idee aufsetzen, allerdings tragen dieses Bestrebungen meiner Meinung nach auf lange Sicht keine Früchte. Bestes Beispiel ist die Abwendung des größten Telekommunikationsanbieter Deutschlands (T-Mobile) von seiner starren VoIP-Verbotsstrategie hin zum Angebot einer gebührenpflichtigen Nutzung des Dienstes Skype ab Sommer 2009 im eigenen Mobilfunknetz.
Anders ausgedrückt: Das Hauptproblem der Telcos wäre somit eine Verlagerung der Nutzung von „Pay-per-Minute“-Angeboten (bisher angebotene Tarife / Produkte der Telcos) zu Daten-Flatrates mit unbegrenzter Nutzungsdauer und -volumen sowie der damit einhergehenden Freiheit, Kommunikations-Tools mit eingebauter Messaging- und VoIP-Funktionalität nutzen zu können. Die Einnahmen für den Versand von SMS sowie die minutenbasierte Abrechnung von Telefonaten würden damit größtenteils wegfallen.
Nun drängt sich die Frage in den Vordergrund, wie die Telekommunikationsanbieter diese Nutzungsmöglichkeit unterbinden wollen. Eine bereits angewandte Möglichkeit wäre, die Flatrates im Volumen zu begrenzen und ab einer gewissen Anzahl übertragener Mega- bzw. Gigabytes den zur Verfügung stehenden Traffic auf 64kBps zu drosseln und somit zumindest die dauerhafte Nutzung von Internet-Telefonie zu unterbinden. Diesbezüglich ist aber sehr wahrscheinlich, sich so auf lange Sicht den Unmut der Kunden zuzuziehen, die für eine Flatrate bezahlen, die in Wirklichkeit keine ist und ihnen nicht die Freiheit lässt, diese nach ihren Vorlieben zu nutzen.
Für die Telcos ergeben sich daher 3 Möglichkeiten, dennoch Geld zu verdienen:
- Verbot oder starke Einschränkung bestimmter Dienste, z. B. durch Port-Sperrung, sodass die Nutzer gezwungen sind „Pay-per-Minute“-Angebote in Anspruch zu nehmen
- Datendienste an bestehende Produkte (Tarife) zu binden und nur als Kombi-Paket zu verkaufen, um die entstehenden Kosten durch die Nutzung einer Daten-Flatrate auszugleichen (Traffic / Netzbelastung)
- Datendienste, wie z. B. MIM, als selbständiges Produkt losgelöst vom bestehenden Tarif anzubieten und für dessen Nutzung einen Aufschlag zu verlangen (wobei hierin die Gefahr liegt, dass Kosten bewusste Kunden den für sie günstigsten Tarif wählen, eine Datenflatrate hinzubuchen und ihre sämtliche Kommunikation darüber abwickeln)
Ob die dritte Möglichkeit, einen als kostenlos bekannten Dienst entgeltlich dazu zu buchen, auf eine breite Akzeptanz stoßen wird, kommt letztlich auf die „Spitzfindigkeit“ der Nutzer an. Denn die als „Digital Natives“ bezeichnete Zielgruppe, die mit kostenlosen Kommunikationstools, Flatrates und einem Hang zum Dauer-online-sein aufgewachsen ist, wird schwer zu überzeugen sein, für die gleichen (kostenlosen) Dienste in der mobilen Variante Geld zu bezahlen…

[...] würde ich in diesem Fall gern auf meinen Beitrag Mit Flatrates und Datendiensten gefährden Telcos ihre Kerngeschäfte Voice und SMS und der Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass Mobile Instant Messaging zukünftig SMS ablösen [...]